Wie Lidice zu einem Synonym für Kriegsverbrechen wurde

Lidice - dieser Ortsname ist zu einem Symbol für den nationalsozialistischen Terror mitten in Europa geworden

Foto: Denkmal für die ermordeten Kinder von Lidice


Von Michael Heitmann, dpa


Die Bilder aus Butscha und anderen Orten der Ukraine wecken im tschechischen Lidice schmerzhafte Erinnerungen. Vor genau 80 Jahren begingen die deutschen Besatzer dort nach einem Anschlag auf den Nazi-Statthalter Heydrich ein schreckliches Kriegsverbrechen.


Prag/Lidice (dpa) - Es war noch dunkel, als deutsche Polizeieinheiten und SS-Offiziere das kleine Dorf Lidice in der Nähe von Prag umstellten. Keiner durfte heraus, keiner kam hinein. Am Morgen des 10. Juni 1942 begann das Morden. 173 Männer und Jungen im Alter ab 15 Jahren wurden sofort erschossen. Frauen und Kinder wurden verschleppt und großteils in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet.


Wer nicht zu Hause war, wurde später aufgespürt. Insgesamt verloren 340 Bewohner der Bergarbeitersiedlung im heutigen Tschechien ihr Leben. Doch damit nicht genug: Lidice sollte für immer von der Landkarte verschwinden. Der Reichsarbeitsdienst rückte an, um den Ort einzuebnen. Wo einst Häuser standen, wächst heute Gras. Von der barocken Dorfkirche blieb nur das Fundament. Als die wenigen Überlebenden nach dem Krieg heimkehrten, wurde das Dorf an neuer Stelle wiederaufgebaut.


Lidice - dieser Ortsname ist zu einem Symbol für den nationalsozialistischen Terror mitten in Europa geworden. Doch in diesem Jahr stehen die Gedenkfeierlichkeiten im Schatten der russischen Aggression gegen die Ukraine. Die Nachrichten von Kriegsverbrechen in Orten wie Butscha könnten niemanden kalt lassen, sagt der Leiter der Gedenkstätte Lidice, Eduard Stehlik.


«Die Überlebenden stellen sich die Frage, wie es möglich ist, dass sich wiederholt, was sie selbst durchleben mussten», berichtet der Militärhistoriker. Dies mit ansehen zu müssen, sei für sie «ungeheuer schwierig und schmerzhaft». Das ganze Nachkriegsleben im neuen Lidice habe unter dem Motto «Nie wieder Krieg» gestanden, betont Stehlik. Er fügt resigniert hinzu: «Die Menschheit ist immer noch unbelehrbar.»


Die Nationalsozialisten stellten das Massaker in Lidice als «Vergeltungsaktion» für das Attentat auf den SS-Führer Reinhard Heydrich dar. In Großbritannien ausgebildete tschechoslowakische Widerstandskämpfer hatten Heydrich am 27. Mai 1942 angegriffen, als er mit seinem Dienstwagen ins besetzte Prag hineinfuhr. Wenige Tage später erlag der aus Halle stammende Organisator des Holocaust im Krankenhaus seinen Verletzungen.


Zwar hatten sich zwei Männer aus Lidice in Großbritannien der tschechoslowakischen Exil-Armee angeschlossen, doch es war eine falsche Fährte. Und das wussten auch die Nazis. «Es handelte sich um ein absolut unschuldiges Dorf, das mit dem Attentat auf den sogenannten Stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren nichts zu tun hatte», betont Stehlik.


Die Gedenkstätte leistet Aufklärungsarbeit. Vor allem aus Deutschland, Italien und Frankreich reisen Schulklassen an, um sich mit der nationalsozialistischen Gräueltat auseinanderzusetzen. In den letzten Jahren ist zudem die Zahl der tschechischen Besucher markant angestiegen. Für Stehlik ist klar, dass der 10. Juni «einer der bedeutendsten Tage der modernen tschechischen Geschichte» ist - und auch in Zukunft bleiben wird.


Die Forschung entdeckt noch Neues. Dabei kam es zu einer heftigen Kontroverse, als bekannt wurde, dass eine jüdische Einwohnerin aus Lidice bereits am 2. Juni 1942 verhaftet und später nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. «Wurde sie von anderen Dorfbewohnern verraten?», fragten die einen. Das zu erforschen, sei unmoralisch und respektlos gegenüber den Opfern, meinten die anderen. Die Diskussion darüber dauert an.


Eines unterscheidet das Massaker von Lidice von vielen anderen Kriegsverbrechen: Es wurde nie geheimgehalten. Im deutschen Rundfunk war zu hören: «Die Gebäude des Ortes sind dem Erdboden gleichgemacht, und der Name der Gemeinde ist ausgelöscht worden.» Als das bekannt wurde, kam es weltweit zu einer einzigartigen Solidaritätswelle. Ganze Gemeinden und Städte benannten sich um. Wer heute durch Brasilien, Panama, Israel oder Uruguay reist, kann dort auf Ortschaften stoßen, die «Lidice» heißen.

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