Das Prager Theaterfestival deutscher Sprache

Bereicherung des Kulturherbsts in der tschechischen Hauptstadt

Foto: theater.cz


Das 27. Prager Theaterfestival deutscher Sprache präsentiert vom 9. November bis 4. Dezember eine Auswahl bemerkenswerter deutschsprachiger Produktionen aus dem Repertoire des Deutschen SchauSpielHauses Hamburg, des Berliner Ensembles, des Maxim Gorki Theaters, des Schauspiels Hannover und des Volkstheaters Wien. Die Aufführungen werden mit tschechischen Untertiteln präsentiert. Gezeigt wird eine tschechische Inszenierung eines ursprünglich deutschsprachigen Textes, für den das Festival jährlich den Josef-Balvin-Preis vergibt. Eine beliebte Theaterreise kehrt ins Festivalprogramm zurück – diesmal nach München, in die Münchner Kammerspiele. Dazu gibt es ein ansprechendes Rahmenprogramm mit einer Ausstellung, moderierten Online-Diskussionen mit deutschsprachigen Theaterschaffenden und weiteren thematischen Veranstaltungen.


Der Kartenvorverkauf im GoOut-Netzwerk beginnt am 26. Oktober – weitere Informationen auf der Festival-Website www.theater.cz



" Das Motto des diesjährigen Festivals ist der Begriff Herr*innen, der die markante dramaturgische Linie von starken weiblichen Akteuren, Schicksalen und einer Welt, in der eine Frau ihren Platz erobern muss, zum Ausdruck bringt. In diesem Slogan lauert der Herr, aus dem jedoch eine Herrscherin hervorgeht. Wir werden eine Bearbeitung von Richard III. mit einer führenden Schauspielerin des Hamburger Ensembles in der Titelrolle sehen, Diener zweier Herren wird mit einer reinen Frauenbesetzung präsentiert, Einsame Menschen aus Wien schildert verschiedene Typen der weiblichen Persönlichkeit, und Slippery Slope zeigt die zeitgenössische Welt der cancel culture in Form eines Musicals. Doch wir begeben uns auch auf Exkursion: in München sehen wir Like Lovers Do, eine farbenfrohe und kantige Produktion über das patriarchalische Geschlechtermodell als Gewaltsystem. Im Vordergrund der diesjährigen Dramaturgie steht die Frau (gedemütigt, balancierend, triumphierend...) - nicht nur als zeitgenössisches Thema, sondern auch in Form von brillanten Schauspielerinnen ", so Petr Štědroň, Direktor des Festivals.


Die diesjährige, stark resonierende Neuheit ist der Open Call für junge Talente. Zweiunddreißig Produktionen wurden eingereicht, der Gewinner ging aus einem anspruchsvollen, mehrstufigen Auswahlverfahren hervor. Sieger war das Stück 3 Schwestern der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Das Stück wird am Freitag, den 2. Dezember im NoD aufgeführt. "Das Prager Theaterfestival deutscher Sprache will auf die aktuellen Impulse der zeitgenössischen Theaterkunst reagieren. Mit dem Open call 2022 wollen wir interessante, originelle Projekte von Studierenden deutschsprachiger Kunsthochschulen oder deren Absolventen unterstützen, ihnen geeignete Aufführungsorte zur Verfügung stellen und ihre Arbeiten angemessen fördern. Wir freuen uns sehr, dass wir qualitativ hochwertige Theaterproduktionen zusammenbringen konnten, die in Bezug auf Dramaturgie, Inszenierung und Bühnenbild oder schauspielerische Leistungen außergewöhnlich sind", fügt Petr Štědroň hinzu.


Das Programm des 27. Jahrgangs dieses prestigeträchtigen Festivals ist vom ersten Tag an vollgepackt mit Veranstaltungen, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Das preisgekrönte Deutsche SchauSpielHaus Hamburg wird am Mittwoch, den 9. November, im Ständetheater den spektakulären Einstieg bieten. Die Regisseurin Karin Henkel hat sich bei ihrer Inszenierung von Richard the Kid and the King an den Shakespeare-Königsdramen Heinrich VI. und Richard III. orientiert. Lina Beckmann glänzt in der Hauptrolle des Richard.

Am Samstag, den 12. November, ist das Festivalpublikum zu einem Theaterausflug in die Münchner Kammerspiele eingeladen, wo die Produktion Like Lovers Do (Memoiren der Medusa) aufgeführt wird. Medusa, das aus Inzest entstandene Kind zweier Meerestiere, wird vom Meeresgott Poseidon im Tempel der Athene verführt und vergewaltigt. Athene wird wütend und verwandelt Medusa in eine geflügelte Gestalt mit Schlangenhaar. Wer sie sieht, verwandelt sich zu Stein. Viele Männer haben sich bereits auf den Weg gemacht, ihr den Kopf abzuschlagen und ihre Macht an sich zu reißen. Nur Perseus schafft es – mit Athenes Hilfe. Die Antiheldin wird überlistet und enthauptet... Der Text von Sivan Ben Yishai ist eine moderne Studie über das patriarchalische Geschlechtermodell als kultur- und epochenübergreifendes Gewaltsystem, das sich selbst reproduziert, weil es toleriert und gefördert wird.


Am Freitag, den 18. November, findet direkt vor Ort im Ständetheater eine experimentelle wissenschaftliche Konferenz statt. An der Grenze zwischen wissenschaftlicher Abhandlung und performativem Ereignis wird rekapituliert, wie das Ständetheater Teil des Nationaltheaters wurde. Das einmalige Projekt Das Ständetheater dem Volke! unter der Regie von Petra Tejnorová bringt nicht nur Schauspieler, sondern auch renommierte Experten auf die Bühne. Die Theaterinvestigation an der Grenze zwischen Realität und Fiktion wird eine Gelegenheit sein, die Geister der Vergangenheit heraufzubeschwören und mit ihnen über die Gefühle zu sprechen, die die Besetzung des Theaters in ihnen hinterlassen hat.

Am Samstag, dem 19. November, und Sonntag, dem 20. November, explodiert im Theater Komödie eine Ladung Komödien-Dynamit, dargeboten vom Berliner Ensemble. Regisseur Antú Romero Nunes hat Goldonis Grundschema auf die nächste Stufe gehoben, indem er Diener zweier Herren komplett mit Schauspielerinnen besetzt hat, was Verwirrung und Doppeldeutigkeit noch weiter fördert. So wird Truffaldino wieder einmal schnell in allerlei Ärger und immer komplexere Verstrickungen verwickelt – beste Unterhaltung für das Publikum.


Das Prager Theaterfestival deutscher Sprache versucht alljährlich, Anreize für die tschechische Theaterszene zu bieten, sowohl durch seine Haupttätigkeit, die darin besteht, dem tschechischen Theater durch das deutschsprachige Theater Impulse zu geben, als auch direkt durch die jährliche Verleihung des Josef-Balvin-Preises für die beste tschechische Inszenierung eines ursprünglich deutschsprachigen Textes. Der Gewinner wird von einer Jury aus Kritikern der Zeitung Divadelní noviny bestimmt. Der diesjährige Gewinner wird am Mittwoch, den 23. November, in La Fabrika vorgestellt. Dabei handelt es sich um das Brünner Theater HaDivadlo mit seiner neuen Produktion Die Wand – einer Adaptation des österreichischen Kultromans von Marlen Haushofer, der 1963 durch seinen sparsamen Sprachstil und seinen radikal allegorischen Ansatz die Aufmerksamkeit des Publikums erregte. Regisseurin Kamila Polívková besetzte die Hauptrolle mit Tereza Hofová.

Am Samstag, den 26. und Sonntag, den 27. November empfängt La Fabrika in Holešovice das Staatstheater Hannover mit der Inszenierung Ein Mann seiner Klasse. Dabei handelt es sich um eine gelungene Adaptation von Christian Barons Debütroman aus dem Jahr 2020, in dem er auf seine Kindheit in einer Arbeiterfamilie in Kaiserslautern zurückblickt. Baron erzählt von skandalöser Armut in einem reichen Land, von den wirksamen Mechanismen der sozialen Ausgrenzung und vom Kampf um Stolz und Würde; er stellt die ergreifende Biografie der Familie dem Spott ihrer Umgebung gegenüber.


Am Samstag, den 3. Dezember, kommen Einsame Menschen – eine Adaptation des Dramas von Gerhart Hauptmann aus dem Repertoire des Volkstheaters Wien – ins Theater in den Weinbergen. Alles dreht sich um das Dilemma der Freiheit, das Festhalten an Traditionen, die Suche nach neuen Beziehungsmodellen – und das persönliche Glück, das zwischen all diesen Positionen seinen Weg finden muss. Gleichzeitig stellt der Autor Fragen zu unserer Lebensweise, die auch heute noch aktuell sind: Wie viel Opfer sind wir zu bringen bereit, wie stark bestehen wir auf unserer Selbstverwirklichung? Wie können wir uns frei fühlen, ohne die Freiheit anderer zu beeinträchtigen?


Das Berliner Maxim Gorki Theater bringt am Sonntag, dem 4. Dezember, das Musical Slippery Slope ins Theater pod Palmovkou. Die Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten und das manipulative Potenzial einer guten Erzählstrategie greifen Regisseurin Yael Ronen, Komponist Shlomi Shaban und das Schauspielerensemble in Slippery Slope mit Gusto auf – eine wütende musikalische Revue über Kunst und Macht in einer postfaktischen Gesellschaft.

Die diesjährige 27. Ausgabe des Festivals bietet ein reichhaltiges Rahmenprogramm. Die Ausstellung Über den Osten in den Westen ist dem Schicksal von 13 DDR-Bürgern gewidmet, die sich im September 1989 entschlossen haben, über die westdeutsche Botschaft in der Tschechoslowakei aus dem Land zu fliehen. Die Ausstellung ist vom 11. bis 30. November im Theater Am Geländer zu sehen. Am 12. November präsentiert MeetFactory die tschechische Uraufführung von Sechshundertfünfundsiebzig wutrote kleine Korallen, dessen Text eine Collage aus dem Schaffen von Judith Hermann ist. Die zweisprachige Inszenierung Die Reise, die aus einer Zusammenarbeit zwischen der Plattform Terén Brno und dem Landestheater Niederösterreich Sankt Pölten hervorgegangen ist, wird am 19. und 20. November im NoD aufgeführt. Die junge Prager Regisseurin Anna Klimešová begibt sich mit einem deutsch- und tschechischsprachigen Ensemble auf eine literarische Reise ins heutige Grenzgebiet. Am 1. Dezember findet in der Eliade-Bibliothek im Theater Am Geländer die Premiere des Singspiels Liedfabrik statt - ein gemeinsames Projekt des tschechisch-deutschen Kabaretts To téma und der Jodelband Jodelix. Musik, die berührt, die verbindet, die man gerne hört, weil... na ja, warum eigentlich? Gefühle und Erfahrungen, die zu Liedern werden, verstehen wir, indem wir sie einfach hören. Und aus Zuhören wird... Zugehörigkeit.

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